Direkt zum Inhalt

Vom Datterich zu Tod und Churchill

Theater
Helmut Markwort als „Der Tod"

Meine lebenslange Leidenschaft für das Theaterspielen wurde in der Schule geweckt. Mein Deutschlehrer begeisterte mich für das Rezitieren von Gedichten und nahm mir die Scheu vor öffentlichen Auftritten. Mit großem Vergnügen spielte ich Rollen von Aristophanes und Balzac und kümmerte mich auch noch um die Requisiten für unser Schultheater. Es gelang mir, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Wenn der Physiklehrer fragte, wo denn der Schüler Markwort sei, antworteten meine Klassenkameraden wie ein griechischer Chor: „In der Theatergruppe.“ Meine mehr musisch orientierten Lehrer hatten es mir ermöglicht, die Termine selbstständig zu organisieren.

Wenn ich dann am nächsten Morgen hundemüde in der Schulbank hing, hatte das auch einen Theatergrund.

Es war mir gelungen, am damals hoch angesehenen Darmstädter Theater in die Statisterie aufgenommen zu werden. Für zwei Mark am Abend hielt ich in „Turandot“ eine halbe Stunde  lang krampfhaft eine Fackel hoch oder gab im „Wallenstein“ die Leiche des Helden, der in einem Teppich ungesehen über die Bühne getragen wurde. Viel früher als notwendig erschien ich zu den Proben, weil ich es genoss, die Inszenierungskunst des berühmten Intendanten Gustav Rudolf Sellner zu beobachten.

Höhepunkte meiner Statistenkarriere waren Gastspiele in Offenbach und Aschaffenburg. Dafür gab es fünf Mark, und ich durfte mit den bewunderten Schauspielern im Bus fahren. Nach solchen Ausflügen saß ich noch müder im Unterricht, aber trotz dieser Strapazen legte ich Wert auf die Tatsache, dass ich bis zum Abitur kein einziges Mal sitzen blieb. Wir überlebten auch einen Skandal, weswegen unser Mitschüler und Regisseur Heinz Holzhauer beinahe von der Schule geflogen wäre.

Unabhängig von unserem humanistischen Gymnasium hatten wir ein Stück des „Feuerzangenbowle“-Autors Heinrich Spoerl aufgeführt. Es hieß „Die weiße Weste“ und enthielt Rollen von leichten Mädchen und schrägen Typen. Da wir an unserer Knabenschule einseitig besetzt waren, übernahm ich die reizvolle Aufgabe, an den Mädchenschulen Mitspielerinnen zu gewinnen. Der Ärger erreichte also die ganze Stadt. Das Publikum amüsierte sich, der Autor Spoerl gratulierte uns stolz zur Aufführung seines Alterswerks, aber die Lehrerkollegien entrüsteten sich.

Helmut Markwort als Winston Chuchill
Helmut Markwort als Winston Churchill

Zeitsprung. Als dreißig Jahre später unser Skandalregisseur Holzhauer, inzwischen Professor und Inhaber eines Jura-Lehrstuhls in Münster, 50 wurde, stellte ich seiner Frau die bekannte Frage, was man ihm denn schenken könne. Antwort: nochmal Theater spielen. Damit ging es los.

Wir trieben in ganz Deutschland das gealterte Ensemble auf und spielten in Westfalen das köstliche Darmstädter Lustspiel „Datterich“. Daraus wurde eine Erfolgsserie. Wo immer einer Geburtstag hatte oder ein Jubiläum zu feiern war, reisten wir hin und gastierten in Darmstädter Mundart. Unsere Tournee führte uns nach Baden-Baden, Bonn, Freiburg, Tübingen, Salzburg, Erfurt, München und natürlich Darmstadt, wo uns jeder verstand. Zu den prominenten Gästen, die unser Ensemble verzierten, gehörten die Politiker Norbert Blüm, Hermann-Otto Solms und Bernhard Vogel, der Schauspieler Günter Strack, die Schriftsteller Robert Stromberger und Martin Mosebach, der Wirtschaftsprofessor Bert Rürup, der Börsen-Interpret Frank Lehmann und der Springer-Chef Mathias Döpfner. Als Höhepunkt unserer Serie empfanden wir ein einwöchiges Gastspiel bei den Festspielen in Bad Hersfeld, wohin uns Dieter Wedel eingeladen hatte. Jede Vorstellung war ausverkauft.

Für mich selber ergaben sich aus der Spielerei noch einige andere Engagements. Regisseure und Schauspieler, die mich gesehen hatten, boten mir Rollen an, und ich hatte keine Hemmungen, sie anzunehmen. Eine tolle schwere Arbeit war der Winston Churchill in „The King's Speech“. 46 Abende hintereinander stand ich neben Götz Otto in der Münchner Komödie im Bayerischen Hof auf der Bühne.

In einem ganz anderen Fach durfte ich mich in Frankfurt versuchen. Wolfgang Kaus vom Frankfurter Volkstheater hatte mich als „Tod" im „Jedermann“ engagiert. 16 Abende spielte ich mit Ralf Bauer auf oft regennassen Brettern, über die ich meinen Sarg zog.

Auch bei Film und Fernsehen durfte ich kleine Rollen übernehmen. Mit Lambert Hamel spielte ich einen Apotheker, Til Schweiger ließ mich ermorden und im Kardinalsgewand hatte ich besondere Begegnungen. Bei Außenaufnahmen in Rom wollten fromme Italiener meinen Ring küssen.

Derzeit probe ich für etwas, das ich nicht kann. Ich soll singen. In Mainz werde ich im Januar in einem Musical über Johannes Gutenberg auf der Bühne stehen neben dem gewaltigen Bassbariton Gunther Emmerlich und der legendären, hinreißenden Fastnachtssängerin Margit Sponheimer .

Bis dahin muss ich zwei Probleme lösen. Erstens muss ich rap-artige Sprechgesänge einüben und zweitens muss ich mit Terminen zaubern. Falls ich in den Bayerischen Landtag gewählt werde, was ich mir und der FDP natürlich wünsche.